Bis zum bitteren Ende (Splitter Verlag)

Tragischer Spätwestern der zu überraschen weiß!



Zur Zeit des Wilden Westens hatten Cowboys den wohl beschwerlichsten Beruf aller Berufe. Ihre Tätigkeit, unzählige Viehherden wochenlang durch weite Prärien und malerische Berglandschaften zu treiben, war stets mit harter Arbeit und sehr vielen Gefahren verbunden. Ziemlich lange spielten Cowboys eine überaus tragende Rolle in der Viehzucht, die wiederum für viele Teile des Landes, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor war. Mit dem Beginn der Industrialisierung und dem damit einhergehenden landesweiten Ausbau der Schieneninfrastruktur, neigte sich die Blütezeit des einst so überwichtigen Wild West Berufes dem Ende zu, was viele Viehtreiber in die Arbeitslosigkeit rutschen ließ. Im vorliegenden Werk, verankern sich die französischen Comic-Schöpfer Jérôme Félix (Autor), sowie Paul Gastine (Zeichner) in jenem Zeitalter und erzählen einen gut geglückten, realitätsnahen Spätwestern, der sowohl mit den moralisierenden Standards des klassischen Westerns kokettiert, wie auch nicht allzu selten an den genreprägenden Sitten eines Italowesterns kratzt.


Worum geht's ?

Für die Cowboys Russell, Kirby und dem jungen Bennett sind die unzähligen Viehtriebe durch die grün bleichen Landsteppen Nordamerikas endgültig passé. Die meilenweite Strecke von Wyoming bis nach Abilene, mit rund 1200 Rindern im Gepäck, ist der letzte langwierige Ritt des Trios gewesen. Fortan ist es die Eisenbahn, die den Job aller Cowboys erledigt.

Im Gegensatz zu den anderen Betroffenen, die durch die zunehmende Industrialisierung ihren Arbeitsplatz verloren haben und aussichtslos im Schweinepfuhl verweilen oder schlimmer noch, auf die schiefe Bahn geraten sind, ist das Two-And-A-Half-Man-Grüppchen bestens vorbereitet. Russell hat nämlich genug Geld eingespart, um sich mit Kirby und Bennett in Montana, als Farmer auf einer Range niederzulassen. Unterwegs ins neue Glück, machen die Drei einen Zwischenstopp im kleinen, aber feinen Sundance, was sich wenig später als großer Fehler erweist. Denn kurz nach der Ankunft passiert etwas schreckliches - der junge Bennett wird leblos aufgefunden. Während Russell der festen überzeugen ist, dass man seinen Ziehsohn ermordet hat, bangt der örtliche Bürgermeister um dem guten Ruf seiner Stadt und hofft, die Sache werde sich als tragischer Unfall unter den Teppich kehren lassen. Doch für den von Gefühlen überwältigten, nach Rache trachtenden Russell gilt: *ptui* nur über meine Leiche!

( Leseprobe - Splitter Verlag )

Bewertung:

Warme, opulente Bilder, die mit weiträumigen Kompositionen nahezu brillant die ländliche Spätwestern-Szenerie einfangen und eine fesselnde Handlung mit multiperspektivistischer Figurenkonstellation, die dem Thema Rache eine neue Bedeutung beimisst – sowohl erzählerisch, optisch, als auch atmosphärisch legt das Kreativ-Team eine Punktladung hin. Denn mit dem vorliegenden One-Shot ist die perfekte Schnittstelle aus erhabener Lagerfeuerromantik und konfliktreicher Rachetragödie gefunden, welche auch Genre-Vermeider vom Hocker hauen könnte.

Zwischen unzähligen cineastischen und klassischen Stilmittel, die spielerisch in die Handlung übertragen werden, spielt Autor Jérôme Félix überaus subtil einen tragischen Konflikt aus, welcher die zentralen Figuren an den Rand des Wahnsinns treibt. Dabei besticht der Comic durchgehend mit seinen schockierenden und gut gesetzten Twists, authentischen Dialogen, sowie überaus schönen Zeichnungen aus der Feder von Paul Gastine, in denen sich ein überragender Sinn für Physiognomie, Dynamik und Timing zeigt. Doch auch das Adaptieren bekannter Film-Kamera-Einstellungen in einzelne Panels, bspw. ein Panorama- oder angedeuteter Italian-Shot werden von den Kreativen nicht wahllos eingearbeitet, sondern fungieren stellenweise als dramaturgischer Bruch und Anstieg in der Atemlosigkeit des Tragischen, sowie des andauernden Spannungsaufbaus. Vielmehr Klischee hingegen, sind die Charakteristika eines typischen Westernhelden, die der notorische, aber dennoch gutwillige Protagonist Russel plagiiert. Diese werden jedoch intensiv dekonstruiert, was zu unerwarteten Entwicklungen und schließlich zu einem Story-Ende führt, dass überrascht.

Während im Kino das altehrwürdige Genre bereits als nahezu ausgestorben gilt, besinnt sich der französische Comic-Sektor nach wie vor darauf, immer wieder neue Western-Geschichten vom Stapel zu lassen. Und das ist auch gut so. Denn mit Bis zum bitteren Ende ist erneut, ein überaus berauschendes und kurzweiliges Cowboy-Abenteuer erschienen, welches gekonnt mit Genremotiven hantiert und reichlich Unterhaltungswert parat hält. Tut euch selbst einen Gefallen und lest diesen Comic.



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  • Autor: Jérôme Félix

  • Zeichner: Paul Gastine

  • Format: Hardcover 80 Seiten

  • Verlag: Splitter Verlag

  • Preis: 18,00 €